Zillo Interview - 05/2008 (ungekürzt)
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01/V/2008

1. Eine neue EP namens „SCIENTific technOLOGY“, die sicherlich von Eurer nicht mehr ganz so kleinen Fanschar gierig aufgesogen wird. Und doch fragt man sich, wann es denn neues Album geben wird? Ist diese EP quasi nur eine Übergangslösung, oder woran hakt es?
ØLÅF: Naja, es ist halt so, wenn du bei einem Major-Label wie Black Rain bist und die Frau vom Label-Chef braucht ein neues Auto oder 'ne neue Küche, dann müssen wir schnell irgendwas auf den Markt hauen. Außerdem hätten wir sonst nicht im Juni mit Feindflug auf Südeuropa Tour gedurft ....
ÅLBERT: Hoffen nur, Katja lässt uns auch mal kochen!
ØLÅF: Aber mal ehrlich, Fakt ist: es wird in diesem Jahr noch ein neues Album geben und zur Hälfte ist es ja auch schon fertig. Ich saß gerade an einem neuen Track, als mir ein guter Freund das YouTube Video von Anonymous zugespielt hat. Ich war schon ziemlich beeindruckt von der Direktheit der Autoren, dass ich die Samples gleich mit verarbeitet habe. Albert hatte eh schon seit Jahren einen Text zum Thema Scientology in der Schublade liegen. So kam dann eins zum anderen. Wir haben uns dann entschlossen aus dem ganzen Ding eine E.P. zu machen, um dem Thema so zeitnah wie möglich gerecht zu werden.
Z67: Ausserdem wollte wir mal ausprobieren, wie es klingt, wenn wir uns von jemanden anderem produzieren lassen. Wir haben also eine Art Pre-Check für das kommende Album “Anonymous“ gemacht und in Hamburg mit „battlecommand.org“ zusammen gearbeitet. Wie wir meinen, hat es sich gelohnt!
2. Mittlerweile seid ihr ja wieder nur zu dritt, nachdem Noel euch nach nur kurzer Spieldauer Mitte letzten Jahres verlassen hat. Sorgt das im Nachhinein für Kopfschmerzen, was Studioarbeit und Bühnenpräsenz betrifft? Ist Ersatz für Noel angedacht?
ØLÅF:Also Noel war schon eine Bereicherung für die Live-Auftritte der Band und neben der Tatsache, dass er ein super-begabter Musiker ist (er ist eigentlich Metalgitarrist und -drummer) hat er eine Wirkung auf diese Kinkat-Girlies, das war schon phänomenal.Während der Wintergewitter Tour letztes Jahr hatte er in jeder Location immer 2-3 von denen am Start, während sich der Rest der Band im Backstage zugedröhnt hat.
Aber auf Dauer wollte er dann doch seiner wahren musikalischen Bestimmung nachgehen und hat das dann auch mit einem Umzug nach Berlin untermauert. Seitdem habe ich dann auch wieder meinen Platz am Mischpult mit dem am Synth auf der Bühne getauscht. Wir haben jetzt halt wieder die Urbesetzung auf der Stage und das ist auch gut so.
Experimente mit anderen Musikern, wie eben mit Noel oder dem Feindflug-Gitarristen Zero Kelvin wird es aber auch in Zukunft immer mal wieder geben.
3. Ihr seid bekannt dafür, textlich einige heiße Eisen mal mehr und mal weniger behutsam anzufassen. Das bringt Euch unter Umständen ja nicht nur Freunde ein. Womit ist Eurer Antrieb begründet, den Mensch und sein soziales/asoziales Verhalten zu sezieren? In wie weit hilft Euch dabei die Nutzung der deutschen Sprache, die Ihr in den meisten Fällen einsetzt?
Z67: Primär war es auch nie unser Ziel mit der Musik Freunde zu gewinnen.
Man wird gehasst oder geliebt, damit muss man leben. Lieber einen richtigen Feind als hundert falsche Freunde. Also im Ernst: Von Liebe und heiler Welt singen ja genug andere und wir bewerten ja nicht, wir zeigen nur auf. Wer sich den Schuh anzieht ist selber schuld.
In seiner Muttersprache kann man natürlich viele Dinge viel spezifischer ausdrücken. Das hilft natürlich ungemein.
ÅLBERT: Die Idee, die hinter TL steht, war von Anfang an der Anspruch, die Gesellschaft und deren übelste Abgründe ungeschminkt darzustellen. Betrachtet man die sozialen und politischen Probleme, die wir heute haben, dann hat die Menschheit sich eigentlich nur technisch entwickelt, vom Verhalten her befinden wir uns doch in einer Endlosschleife. Alles wiederholt sich permanent wieder, nur die Methoden werden immer perfider und perfekter. Dass man mit dieser Darstellung der Verhältnisse aneckt, wird dabei bewusst von uns in Kauf genommen. Für die EP haben wir halt die Scientologen ins Visier genommen. Was wir nicht wollen ist uns der einen oder anderen Strömung anzuschließen, sowohl in politischer als auch religiöser Hinsicht, wir stellen die Dinge aus unserer Sicht dar. Die deutsche Sprache ist deshalb einfach nur die Konsequenz.
4. Wie verhält es sich da mit der neuen EP? Das Verhalten von Sekten wird im Electro/EBM-Genre so gut wie gar nicht thematisiert. Warum hat es Euch die Scientology-Sekte so dermaßen angetan, oder entsprach nur der letzte „Mission-Impossible“-Film mit Tom Cruise nicht Euren Erwartungen?
ØLÅF: Ich glaube außer „The Outsiders“ habe ich noch nie einen guten Film mit Tom Cruise gesehen, von der cruisschen „Mission Impossible“ Reihe ganz zu schweigen, da hat die 60er Orginal-Serie mit Leonard Nimoy (Spock) und Peter Graves einen ganz anderen Eindruck bei mir als Teenager hinterlassen.
Aber zum Thema: Auch wenn Tyske Ludder bestimmt keine religöse Kapelle ist, so sind wir doch klar in der abendländisch-christlichen Tradition verwurzelt. Nicht dass wir hier falsch verstanden werden, jeder hat das Recht zu glauben was er mag, solange er dadurch niemanden schadet und sich an die Grundfesten der Demokratie hält. Das haben wir auch schon mehrfach in anderen Songs zum Ausdruck gebracht, zuletzt in Khaled Aker auf der SOJUS.
Scientology aber, und das ist jetzt unsere subjektive Meinung, hat als Primärziel die Ansammlung von Geld mittels völlig überteuerter Produkte und Dienstleistung, die nicht selten ihre Mitglieder in den finanziellen Ruin treiben. Desweiteren strebt Scientology die Bekehrung aller Menschen zu ihrem Glauben an, also wieder eine Sekte mit totalitären Anspruch. Wie das enden kann wissen wir ja zur genüge. Die daraus resultierende Verachtung aller Nicht-Scientologen spiegelt sich auf perfide Weise in dem Begriff dieser Cruises und Travoltas in der Benennung von nicht an die Lehren von Hubbart-Glaubenden wieder: Meat (Fleisch).
Wenn man dann noch bedenkt, dass Scientolgy-Gegner von der „Church“ oft als Nazis bezeichnet werden, paast es ja wie die Faust aufs Auge, dass Herr Cruise die Rolle des Hitlerattentäters Stauffenberg übernommen hat. Unserer Meinung nach eine gezielte Aktion der Scientology auch in Deutschland mehr Anhänger zu gewinnen.
Und zu Anonymous: Wir wissen natürlich, dass sich diese sog. Bewegung primär aus dem Online Forum 4chan zusammen gesetzt hat, eine Ansammlung von „script-kiddies“ deren höchstes Ziel gemeinsame DDoS Attacken auf selbst auserkorende Feinde ist. Aber, auch eine kaputte Uhr tickt zweimal am Tag richtig.
ÅLBERT:Und wenn dann in nächster Zeit unser Web-Site down ist, dann wisst ihr auch warum ;-)
5. Wenn es irgendwie möglich ist, bereist die deutsche Hure die Welt, sei es Skandinavien oder wie jetzt erst kürzlich nach Chile, Südamerika. Entwickelt man auf diesen Trips so etwas wie patriotische Gefühle, wenn man in anderen Ländern deutsches Liedgut in grobschlächtiger Art und Weise präsentieren darf?
ÅLBERT: Das mit Chile ist ein weit verbreitetes Mißverständnis. Nicht wir waren in Chile sondern unser Stück „Canossa“, das ist nämlich auf dem chilenischer Sampler "DARK PEOPLE VOL 1" erschienen, aber natürlich würden wir gerne nach Südamerika reisen und dort musizieren, vielleicht geht da ja mal was, zumal wir aus Südamerika durchweg positive Resonanzen erhalte, myspace sei Dank. Grundsätzlich macht es uns natürlich stolz, dass man auch im Ausland unsere Stücke zu schätzen weiß, aber patriotische Gefühle kommen da eher weniger auf. Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt uns zu amüsieren und die Leute kennenzulernen, als uns Nichtigkeiten wie patriotischen Gefühlen hinzugeben. Da fröhnen wir lieber Teufel Alkohol. Ich glaube wenn wir einen Eindruck in anderen Ländern hinterlassen haben dann der Umstand, dass wir während und auch besonders nach der Show anständig Gas geben und gerne im großen Kreis feiern.
6. Wie schafft ihr es, das Projekt Tyske Ludder unter den gewachsenen Ausmaßen zeitlich und finanziell zu bewältigen? Es muss doch alles passen, wenn drei Bandmitglieder zeitgleich Urlaub von der Arbeit, Zeit, Geld und vor allem das gewisse Maß an Engagement für die Sache aufzubringen haben...
Z67: Tyske Ludder ist ein Projekt, dass sich selbst tragen soll. Bis jetzt klappt das ganz gut.
Das man mit der Art Musik nicht reich wird war uns schon immer klar, aber bei Tyske geht es auch nicht um Geld. Zuerst steht die Musik im Vordergrund und der Spaß an der Sache. Geld war eigentlich immer zweitrangig. Zeit ist natürlich ein großes Problem. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir nicht ständig präsent sind. Es ist schon sehr oft schwierig alle unter einen Hut zu bekommen.
Daher können wir viele Auftrittsangebote auch nicht annehmen, weil es einfach zeitlich nicht passt.
7. Das Stichwort Chile wurde gerade genannt, zumal das Reiseziel mal eben nicht um die Ecke liegt. Welche Erkenntnisse/Anekdoten habt ihr dort gemacht und erfahren? Kurzum gefragt: wie war es denn?
Z67: Das beeindruckenste war, das dort in den Fußgängerzonen keine Panflöten Bands spielen.
ÅLBERT: Wie schon gesagt, Chile war leider nicht. Aber der letzte Osloauftritt beim Elektrostat war schon ganz ereignisreich. Wir machten uns mit unserem Tourmobil bei stürmischen Wetter auf die Reise um im hohen Norden Dänemarks die Fähre nach Oslo zu besteigen. Leider wurde unsere Fähre gecancelt, denn sie hatte den Oslofjord am vorherigen Abend wegen Windstärke 11-12 nicht verlassen können. Wir ungebucht nach Göteburg um dann festzustellen, dass eine andere Linie dann doch direkt Oslo anläuft. Also wieder in Panik alles umgebucht, grad noch an Bord gekommen und dann ging die Warterei los, da wir immernoch Beaufort 11 hatten. Naja, wir haben uns die Zeit mit Bier versüsst. Als das Schiff endlich ablegte hatten wir den Kanal schon gut voll, so dass der heftige Seegang nur ein Crewmitglied, das sich nicht an die Stallorder Alkohol zu trinken hielt, die Seekrankheit ereilte. In Oslo angekommen wollte man uns doch am Zoll glatt wieder auf die Fähre schicken, da man uns im ersten Augenblick für die Bordkapelle hielt. Nach einigen Erklärungen durften wir aber passieren. Während der ganzen Fahrt zum Hotel wurde unser großes Tyske Ludder Emblem auf dem Bus von Einheimischen belächelt und die Handyfotografen machten Fotos. Vorm Hotel standen zum Teil 10 Leute vorm Bus und haben Fotos gemacht, war lustig.
8. Beschaut man sich Eure MySpace-Seite, wird man angesichts der hohen Anzahl an „Freunden“ neidisch. Okay, mit wie viel Kohle habt ihr Tom geschmiert, dass er eure Freundeszahl in die Höhe getrieben hat? Wie viel Einwohner hat Nordenham doch gleich?
Z67: Naja…. Tom haben wir nicht geschmiert, wir haben jedem der sich auf unserer Seite einträgt 10 Euro versprochen…… das hätte uns fast in den Ruin getrieben.
Wir konnten das Loch aber ganz gut durch unsere „Liechtensteiner“ Rücklagen stopfen. Nordenham hat übrigens exakt 27.301 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 31.12.2007), von denen wir aber Gott sei Dank nicht wahrgenommen werden ;-)
ØLÅF: MySpace ist inzwischen DIE Kommunikationsplattform für Tyske Ludder geworden. Dass wir damit einen direkten Draht zu Menschen aller Länder dieser Erde aufbauen können ohne uns der sonst üblichen Werbemaschinerie bedienen zu müssen kommt unserer Arbeitsweise sehr entgegen. Das bedarf aber auf der anderen Seite auch eines gewissen Aufwandes. Ich denke wir haben uns von Anfang an um unsere „Freunde“ gekümmert, schreiben regelmäßig Blogs und Bulletins, versuchen alle Nachrichten zu beantworten und betreiben die eine oder andere Aktion, wie z.b. unsere Demo-Reihe vor einigen Wochen. Da haben wir fünf Wochen lang jeden Woche ein anderen Demo-Track von uns online gestellt.
Für viele andere Bands ist Myspace nur eine von vielen Plattformen um sich zu präsentieren und lassen sie von Fans oder Firmen betreiben.Ich denke, dass merken die Leute da draussen auch, ob es eine Band ernst meint mit ihrem Angebot.
Wir betrachten es dagegen als unsere Medienzentrale und investieren täglich Zeit in sie; das geht sogar soweit, dass wir unseren „MySpace-Freunden“ zum Geburtstag gratulieren ;-)
9. Auch diese Frage muss erlaubt sein: wann wird es das erste Tyske-Ludder-Stück mit plattdeutschen Texten geben?
ØLÅF: Tatsächlich haben Albert und ich schon Anfang der 90er mit einigen Hans Albers Liedern experimentiert. Albert hat da definitiv eine hohe Entsprechung ...
ÅLBERT: Also ich hab da schon so meine Ideen. Der „Hamborger Veermaster“ ist eine Option, aber auch „Uns Pastor sein Kau“ ist schon gelistet. Ein Arbeitstitel für dieses Projekt steht auch schon, nämlich: Lewer dod as Sklaw. Wir stehen da auch in Verhandlungen mit dem Nordenhamer Shantychor.
Z67: Dat wüllt we mol sehen…… bannig tied ward dat jo…….

































